Jerewan: Sehenswert aber nicht schön

Jerewan wurde bei unserer Studiosus-Reise recht stiefmütterlich behandelt. Daher hatten wir uns schon bei der Buchung entschieden, einen Tag früher zu fliegen und an dem Zusatztag die Stadt auf eigene Faust zu erkunden. Doch daraus wurde leider nichts, da unser Zubringerflug von Düsseldorf in Wien mit geringer Verspätung landete. Obwohl wir den Anschlussflug nach Jerewan mit Sicherheit noch hätten erreichen können, ließ uns Austrian Airways 24 Stunden sitzen. Wien statt Jerewan – wir waren bedient. Doch dazu mehr an anderer Stelle.

Unser schöner Plan war zerplatzt und so bekamen wir große Teile der armenischen Hauptstadt nur durch die Scheiben des Reisebusses mit. Was wir dabei sahen, löste wenig Begeisterung aus. Die Stadt ist geprägt vom neoklassizistischen Stil. Viele historische Gebäude wurden wärend der Stalinzeit abgerissen und durch wenig spektakuläre Blöcke ersetzt. Rund um den früheren Lenin-Platz, dem heutigen Platz der Republik, geben monumentale Bauten der Stadt ein neues Gesicht. Mit mehr als 14.000 Quadratmetern ist der Platz vollkommen überdimensioniert, zugig und fast ohne jede Aufenthaltsqualität.

Der Platz der Republik im Zentrum von Jerevan

Stalin wurde von der Mutter Armeniens ersetzt

Eine monströse Statue “Mutter Armenien” beherrscht von nahezu jedem Standpunkt aus das Bild der Stadt. In der Stalinzeit stand an gleich Stelle ein riesiges und glorifizierendes Denkmal für den sowjetischen Diktator. Der Sockelinnenraum war und ist kirchenähnlich nachempfunden und inspiriert von der Sankt-Hripsime-Kirche in Edschmiatsin. Das Monument wurde am 29. November 1950 eingeweiht. Die Stalin-Statue wurde im Frühling 1962 abgebaut und im Jahre 1967 ersetzt durch die noch heute stehende Figur.

wacht nach dessen Sturz seit 1956 die Statue “Mutter Armeniens” über die Stadt.
Wo einst der sowjetische Diktator Stalin die Bürger Jerevans fest im Blick hatte,

Der Standort des Monuments im Siegespark auf einem der Hügel von Jerewan soll das Gefühl vermitteln, dass Mutter Armenien über die gesamte Stadt wacht, heißt bei Wikipedia. Gleiches galt natürlich für die Stalin-Statue. Deutlicher lässt sich die Perversion des Sowjetsystems nicht dokumentieren. Der Diktator, der Millionen Menschen in den Gulag schickte und die Bürger seines Vielvölkerstaats in Angst und Schrecken versetzte, hatte in Jerewan die ganze Stadt im Blick. Welch ein erschreckendes Symbol der Gewaltherrschaft.

Im 36 Meter hohen Sockel des Denkmals befindet sich auf fünf Etagen, das Militärmuseum des Verteidigungsministeriums. Die Statue selbst hat eine Größe von 24 Metern, die Gesamthöhe beläuft sich auf 51 Meter. Das Museum ist vor allem dem Heldentum der 650.000 Armenier gewidmet, die am Zweiten Weltkrieg teilnahmen, sowie den Soldaten des Konfliktes um Bergkarabach. Zu Beginn des Konfliktes mit Aserbaidschan wurden aus diesem Museum Waffen und anderes Krieghandwerkszeug genommen für den Einsatz in Bergkarabach. Allein die Vorstellung, dass junge Armenier mit halb verrosteten Bajonetten in den Krieg gezogen sind, lässt mich erschaudern.

Würdiger Ort des Gedenkens des Völkermords von 1915

Tsitsernakaberd

Ein langer, grauer Weg führt zu einer ewigen Flamme. Ein schlanker Obelisk symbolisiert die Wiedererstehung des armenischen Volkes, kreisförmig aufgestellte Basaltplatten stellen eine geschlossene Hand dar, die das ewige Feuer, das im Inneren brennt, schützt. Auf dem Weg dorthin gehen die Besucher vorbei an der schlichten „Mauer des Schweigens“. Auf ihr sind die türkischen Dörfer und Städte zu lesen, in denen ehemals Armenier gelebt haben. Tsitsernakaberd ist eine würdige Gedenkstätte an den Genozid.

Ein halbes Jahrhundert lang war der Völkermord an den Armeniern von dem sowjetischen Behörden verschwiegen worden. Erst die Massenkundgebungen der Armenier in Jerewan zum 50. Jahrestag des Völkermords im Jahr 1965 veranlassten die Behörden zum Errichten einer Gedenkstätte, ohne den Genozid jedoch offiziell anzuerkennen. Zum Bau des Monuments wurde der Hügel Tsitsernakaberd, hoch über der Hauptstadt gewählt. Von hier reicht der Blick hinüber zum heiligen Berg Ararat, der für die Armenier seitdem nicht mehr erreichbar ist. Stalin hatte zu Gunsten der Türkei auf armenisches Gebiet verzichtet in der Hoffnung, dass Staatsgründer Atatürk eine sowjetfreundliche Politik betreiben könnte. Von den 78 Entwürfen für das Denkmal waren vier zur endgültigen Entscheidung ausgewählt worden. Es gewann das Projekt der armenischen Architekten Saschur Kalaschjan und Artur Tarchan und des Künstlers Hovhannes Chatschatrjan. Zwei Jahre dauerten die Bauarbeiten (1966 bis 1968). In den 90-er Jahren, Armenien hatte gerade seine Unabhängigkeit zurückgewonnen, entstanden das unterirdische Museum und die Gedenkmauer.

Spätestens hier, an der Gedenkstätte an den Völkermord hatten wir unseren Reiseführer Aram fest in unser Herz geschlossen. Wir waren beeindruckt von der Leidenschaft und dem Patriotismus mit dem er den Genozid sowie den Ort und seine Geschichte erläuterte. Der Ort ist sehr symbolvoll gewählt. Wir waren von der Würde der Gedenkstätte auf dem Schwalbenfestung genannten Berg mit dem Blick auf den Ararat aberührt; zumal wir sahen, wie Aram Mühe hatte, während der Erzählung des Leids der Armenier seine Tränen zu unterdrücken.

Der Denkmalkomplex besteht aus drei Elementen: einem 44 Meter hohen Obelisken der als Symbol der Teilung des historischen Siedlungsgebiets der Länge nach gespalten ist, zwölf Pylonen rings um die ewige Flamme und einer 100 Meter langen Mauer mit den Namen der Städte und Dörfer, in denen die Opfer des Massakers wohnten.

Im Jahr 1995 wurde zum 80. Jahrestag des Gernozids das unteririsch angelegte Museum des Völkermords an den Armeniern eingeweiht. Im Museum befindet sich ein Konzertsaal mit 170 Plätzen. Wenn man das Museum besuchen möchte, sollte man sich zuvor über die Öffnungszeiten informieren. Unsere Gruppe musste unverrichteter Dinge abziehen. Da an unserem Besuchstag bereits um 17 Uhr der letzte Einlass war.

In der Parkallee wurden Bäume gepflanzt zum Gedenken an die Opfer. Viele Tragen Schilder mit den Namen von Staatsgästen, die hier einen Baum setzten (Bilder unten).

Ehrung für Deutsche und Österreicher, die sich um Armenien verdient gemacht haben

Johannes Lepsius war ein deutscher evangelischer Theologe und Orientalist, der sich hauptsächlich mit der Geschichte des armenischen Volkes befasste. Seine verfasste Dokumentation des Völkermords an den Armeniern trägt den Titel „Bericht über die Lage des armenischen Volkes in der Türkei“ und wurde am 7. August 1916 von der deutschen Zensur verboten. Die Schrift enthält Augenzeugenberichte, die beschreiben, wie Armenier ermordet wurden.

Franz Viktor Werfel war ein österreichischer Schriftsteller jüdisch-deutschböhmischer Herkunft. Er ging aufgrund der nationalsozialistischen Herrschaft ins Exil und wurde 1941 US-amerikanischer Staatsbürger. Besonders bekannt wurde sein zweibändiger historischer Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“, indem der Völkermord an den Armeniern und der armenische Widerstand auf dem Musa Dağı unter der Führung von Moses der Kalousdian literarisch verarbeitet wird. Seit dem Jahr 2003 wird vom „Zentrum gegen Vertreibung“ der „Franz-Werfel-Menschenrechtspreis“ ausgelobt.

Armin Theophil Wegner war ein deutscher Schriftsteller und Autor expressionistischer Lyrik und zahlreicher Reiseberichte. 1916 war Wegner als Sanitätsoffizier unter Feldmarschall Colmar Freiherr von der Goltz in Ost-Anatolien und sah dabei mit eigenen Augen die Vertreibung und den Völkermord an den Armeniern durch die Türken. Bis heute bedeutend ist, dass Armin T. Wegner nicht nur Augenzeuge war, sondern das Geschehen auch fotografisch und literarisch festhielt.

Blick von der Gedenkstätte hinunter auf Jerewan.

Am Fuße des Hügels Tsitsernakaberd befindet sich das Stadion Hrasdan sowie eine große Sporthalle, die bereits 1983 eröffnet wurde. Im Jahr 1999, kurz nach der Ermordung des ehemaligen Parlamentspräsidenten Karen Demirchyan im armenischen Parlament, wurde der Komplex zu dessen Ehren nach ihm benannt. Das Gebäude hat ein auffälliges Design – die Außenansicht erinnert an die Form eines Vogels, der seine Flügel weit öffnet.

Die Kaskade von Jerewan

Beeindruckend, aber wohl nie fertig

Die Kaskade ist ein riesiges, wunderbares Treppenhaus auf einem Felsen.

Aus den 30-erJahren des vergangenen Jahrhunderts stammt der Entwurf der “Kaskade” genannten riesigen Treppe, die die Unterstadt Jerewans mit der Oberstadt verbindet. Mit dem Bau begonnen wurde allerdings erst 1971. Den Entwurf lieferte Jerewans Stadtplaner Alexander Tamanjan (Foto rechts) bereits in den dreißiger Jahren. Die Anlage mit ihren größenwahnsinnigen Ausmaßen errichtete Moskau als Denkmal der 50-jährigen Sowjetisierung Armeniens. Es wurde nie ganz fertig.

572 Stufen führen den Berg hinauf. Geplant war mehr, doch nach der Unabhängigkeit fehlte für die Fertigstellung das Geld. Der Blick vom Gipfel, der neben dem riesigen ”Friedenspark“ mit einem künstlichen See und zahlreichen Attraktionen liegt, zeigt das ganze Elend des unfertigen Bauwerks. Zwischen dem nach Charles Aznavour benannten Kulturhaus und dem obersten Platz herrscht gähnende Leere. Die Armierung für den Bau ist längst verrostet und von Gras und Gestrüp überwuchert.

Am oberen Rand des fertigen Teils der Kaskade steht ein nach dem 2018 verstorbenen französischen Chansonnier Charles Aznavou genanntes Wohnhaus und Museum. Die Kosten für das 1.700 Quadratmeter große Aznavour-Haus mit Panorama-Blick über Jerevan beliefen sich auf 1,4 Millionen Euro. In dem mit Basalt-Platten verkleideten Haus befindet sich ein Wohnung für die Familie Aznavour. 1924 in Paris geboren als Charles Aznavourian gehörte der Chansonier zu den weltweit bekanntesten Armeniern. Seine Eltern, ein Künstlerpaar, waren aus ihrer Heimat Smyrna geflüchtet, um dem Völkermord an den Armeniern 1915 zu entkommen.Aznavour hat sich nach dem verheerenden Erdbeben von Spitak 1988 für das Land eingesetzt. Im Dezember 2008 wurde Aznavour, der auch Vertreter Armeniens bei der Unicef war, die armenische Staatsbürgerschaft verliehen.

Hoch oben, je nach Betrachtungsweise am Anfang bzw. Ende des gesamten Kaskaden-Komplexes ragt eine 50 Meter hohe Säule in den Himmel über Jerewan. Sie wurde 1970 errichtet zum 50. Jahrestag der Proklamation der Sowjetmacht über Armenien. An deren Spitze ist symbolisch die Festungsmauer von Erebuni zu sehen und dazwischen ein vergoldetes Blatt des Lebensbaumes. Nach einigen Forschern leitet sich der Name Jerewans von dieser Festung aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. ab.

Ich konnte keinerlei Anzeichen dafür erkennen, dass die Stadt die endgültige Fertigstellung des Kaskaden-Bauwerks bis hier hinauf noch auf dem Zettel hat. Es gibt jedenfalls nicht die geringste Sicherung der bisherigen baulichen Vorleistungen. Auf der zugigen graubeige gepflasterten Freifläche und den angrenzenden Wiesen stehen, unvermittelt und recht ungeordnet einige Kunstwerke herum.

Blicken wir also lieber auf den fertigen Teil der Kaskade. Für uns war er der anziehendste Punkt in Jerewan. Das trifft auch auf die Bewohner der Hauptstadt zu. In den späten Nachmittagsstunden flanieren hier die Menschen entlang, steigen die Treppenstugen hinauf, sitzen auf den Parkbänken und treffen sich auf einen Tee oder Kaffee in den zahllosen Bars, Cafés und Restaurants. Am Abend ist es wirklich schwer hier einen Patz zu finden. Dies wird einem eher gelingen in dem Bereich hinunter zur Oper. Doch Vorsicht: hier kann es richtig teuer werden. Ich hatte den Eindruck, hier trifft sich vornehmlich jener Teil der Armenier, dem sich die soziale Frage nicht stellt. Aus welchem Grunde auch immer.

Mit dem Ende der Sowjetunion kam auch der Bau derKaskade zum Erliegen. Schließlich kam aus Amerika die Rettung für die Bauruine im Herzen Jerevans. Gerard Cafesjian, in den USA zu einem ansehnlichen Vermögen gekommener Sohn armenischer Emigranten, kam mit viel Geld und seiner ansehnlichen Kunstsammlung nach Armenien. Der Geschäftsmann und Kunstsammler stellte Boteros Kater und ein paar andere Skulpturen auf und ließ im Inneren der Kaskade das erste große Museum für zeitgenössische Kunst im Kaukasus einrichten. Das nach ihm benannte Center of Arts sollte eine Art Guggenheim Armeniens werden. Ein Fenster zum Westen für das winzige Land, dessen staubige Galerien noch den Geist des sozialistischen Realismus oder der überkommenen Ikonenkunst atmen. Acht Jahre lang ließ Cafesjian die heruntergekommene Anlage renovieren. Es entstanden Ausstellungsräume auf vier Etagen.

Mehr als 200 Exponate moderner Kunst sind hier ständig zu Hause. Der von Bäumen flankierte, geometrisch angelegte Skulpturenpark glänzt mit Werken von Künstlern mit großem Namen und Werken hohen Wertes, was die Jerewaner mir nicht ohne Stolz erzählten, als wir uns auf einer Bank ausruhten.

Fernando Botero (Kolumbien), Joana Vasconcelos (Portugal), Jaume Plensa (Spanien), Bildhauer aus Großbritanien wie Barry Flanagan, Lynn Chadwick, Saray Guha, David Breuer-Weil und Daniel Cordell, Italiener Giorgio Lavery, Pedro Friedeberg und Hally Olivetti, Tom Hill und Rebecca Welz (USA), Ji Yong-Ho (Süd Korea), Ann Vrielinck (Belgien) und andere. Der Kern der Sammlung für Glass bilden die Werke der tschechischen Künstler Stanislav Libensky und Jaroslava Brychtova und Dale Chihuly aus USA. Hier sind auch vertreten Maylee Christie (UK), Theodor Sellner (Deutschland), Etienne Leperlier (Frankreich), die Tschechen Pavel Hlava, Jaromir Rybak, Michael Pavlik und andere Künstler.

Um Jerewans Oper pulsiert das Leben

Riesig, rund und grau steht am Ende der Kaskaden-Achse Jervans Oper. Das Gebäude wurde 1933 auf Beschluss der armenischen Sowjetregierung errichtet. Für Entwurf und Bau war wiederum der Architekt Alexsander Tamanyan, den wir schon als Gestalter der Kaskade kennen gelernt haben. Tamanyan kann man getrost als Chefarchitekt der Stadt Jerewan bezeichnen. Das Theater ist nach Alexsander Spendiarian benannt, einem armenischen Komponisten, Dirigenten und Begründer der armenischen nationalen symphonischen Musik. Der Opernsaal hat 1.260 und der Konzertsaal 1.400 Plätze.

Kenats’y! Auf einen Cognac bei Noy

Die Brandyfabrik Noy in Jerewan produziert den Weinbrand Ararat. Der beim Bau des Firmensitzes verwendete Stein ähnelt dem der Nationalbibliothek Matenadaran. Das kann natürlich nur Zufall sein.

Mindestens seit 1877 wird in Jerewan armenischer Cognac produziert. Der darf natürlich längst nicht mehr so bezeichnet werden, weil sich die französische Region Cognac die Namensrechte weltweit gesichert hat. Und so heißt der Cognac eben Brandy oder Weinbrand. Dem Gaumen ist das eh vollkommen gleichgültig. Der Leber ebenso.

Der vom armenischen Kaufmann Nerses Tairjanz Betrieb gegründete Betrieb wurde 1920 verstaatlicht. Seine Produkte flossen seitdem über die Gaumen der Kremlherrscher, wenn diese mal was gepflegteres tranken als Wodka. Nach dem Ende des Sowjetsystems entstand aus dem Staatsbetrieb die Yerevan Brandy Company. Zum alten Namen wurde “Ararat” hinzugefügt, was in Armenien für (Ausnahme ist der gleichnamige Fußballverein) für Spitzenleistungen benutzt wird.

Das Wichtigste bei der Besichtigung eines Weinbaubetriebes kommt stets am Ende – die Verkostung. Zuvor gilt es meist langweilige Führungen und Erläuterungen (häufig angereichert mit niveaulosen Witzen) über sich ergehen zu lassen. Der jungen Frau, die uns durch den zweitgrößten armenischen Herstellerbetrieb von Weinbrand führte, gelang es auf gelungene Art, die Präsentation der Geschichte und Produkte ihres Unternehmens mit der gegenwärtigen politischen Situation ihres Heimatlandes in Verbindung zu bringen.

Die Brandy-Produktion brachte Armenien in der Sowjetzeit hohe Steuereinkünfte. Kein Diplomat im Sowjetreich, der nicht seinen Gästen einen armenischen Cognach kredenzte. Nach dem Untergang der UdSSR und der Staatsneugründung Armeniens 1991 waren die Zeiten des Monopols vorüber. 1988 wurde der ehemalige Staatsbetrieb privatisiert. Den heutigen Hersteller Noy kaufte die französische Pernod-Gruppe.

In diesem Fass (foto links) lagert und altert ein Cognac, von dem sich die meisten Menschen in Armenien und Azerbaidschan wünschten, er könnte sofort getrunken werden. Das Fass wurde 2001 gefüllt nach Abschluss der KSZE.Konferenz zum Karabach-Konflikt. Seidtem ist der Waffenstllstand in der armenischen Exklave Bergkarabach leider nicht weniger brüchig geworden. Auf dem Fass, auf den Wänden und Böden drücken Gäste aus aller Welt ihre Hoffnung auf Frieden aus. Die Flaggen Frankreichs, Russlands und der USA symbolisieren die Erwartung, diese Staaten könnten Garantiemächte eines Friedensschlusses werden.

Wirkliche Schätze, also uralte Brandys werden bei Noy streng unter Verschluss gehalten. Sie lagern in einer Schatzkammer, die gesichert ist wie das Gold der Deutschen Bundesbank.

Kenats’y – Prost

Bibliothek Matenadaran

Das Schatzhaus des armenischen Volkes

Matenadaran: Bibliothek der unsagbaren Schätze

Ob die Herzogin- Anna-Amalia-Bibliothek, der Prunksaal der Nationalbibliothek in der Hofburg von Wien oder die Bibliothek der Universität im portugiesischen Coimbra: überall auf der Welt sind altehrwürdige Bibliotheken Weihestätten der Kultur. Doch die Bibliothek Matenadaran in Jerewan ist mehr. In diesem imposanten, dabei aber schlichtem Bauwerk wird die nationale Identität des armenischen Volkes bewahrt. Denn letztlich waren es Schrift und Buch, die dafür sorgten, dass Armenien, das über viele Jahrhunderte von einer unglaublichen Gewalt und Grausamkeit heimgesucht wurde, als Nation überlebte. Die armenische Schrift mit ihren 36 Zeichen wird zu Recht als die wichtigster Grund für das Überleben der nationalen Identität angesehen.

Der zentralasiatische Militärführer und islamische Eroberer Timur Lenk hatte von den Bewohnern des Dorfes Gosch gefordert, all ihr Gold abzugeben. Doch die halsstarrigen Dörfler zogen der Unterwerfung vor dem Fremdherrscher den Tod vor. So frage der verärgerte Tyrann einen Weisen, was wohl das Wertvollste für das armenische Volk sei. Dieser Meinte, nichts sei so wertvoll für das Volk wie seine Bücher. Da ersann sich der habgierige Timur eine neue List. Er befahl, alle Bücher aus dem Kloster zu verbrennen. Als die ersten Flammen die kostbaren Handschriften versengten, kamen die Dorfbewohner schnell mit ihren Goldschätzen gelaufen, um ihre Bücher vor dem Feuertod zu retten.

Niemand weiß ob diese Legende wahr ist, doch die Wertschätzung der Armenier für ihre Handschriften war und ist bis heute besonders groß. Zogen brandschatzende Erober durchs Land, so retten die Armenier ihre Bücher. Großformatige Bibeln wurden notfalls zerschnitten, damit Frauen sie in ihrer Wäsche verstecklen konnten. Sogar in die syrische Wüste nahmen die Menschen ihre Bücher und Schriften, um diese auf den Deportationszügen ab 1915 zu retten.

Eine frühere Abteilungsleiterin der Bibliothek führte uns mit strengem Ton und mit fundiertem historischem Wissen durch den Museumsbereich des Matenadaran. Dies ist das alte armeinsche Wort für “Bibliothek” – genauer “Aufbewahrungsort von Handschriften”. Der Hauptbestandteil des Bestandes von 17.000 Handschriften geht auf die Bibliothek des Katholikos (Oberhaupt) der Armenischen Apostolischen Kirche in Etschemiadsin zurück. 1920 wurde von den Kommunisten nahezu der komplette Bestand enteignet und nach Moskau entführt. Erst 1939 gelangte der Schatz nach Jerevan.

Das heutige Gebäude im neo-armenischen Stil wurde zwischen 1945 und 1957 errichtet. Das Magazin wurde atommbombensicher in den Fels gehauen und leidet heute unter Wassereinbrüchen.

Für die Geschichte des Matenadaran und der Sammlung der armenischen Handschriften ist ein Blick zurück auf den Gründer des armenischen Alphabets sinnvoll. Denn bereits im Jahre 405 wurde das Oberhaupt der armenischen Kirche von der Angst um den Verlust der armenischen Sprache und damit auch der armenischen Identität gequält. Daher beauftragte Sahak I. den jungen und engagierten Mönch Mesrop Maschtoz, welcher zusammen mit ihm das armenische Alphabet, das aus 36 Zeichen besteht, entwickelte. Viele abendländische Texte überlebten, weil armenische Mönche sie in ihrer Schrift abgeschrieben hatten. Nach dem Totalverlust der Ursprungstexte konnten sie aus dem Armenischen zurück ins Lateinische, Griechische oder Syrische übersetzt werden.

“Sammlung der überlebenden Schriften” wäre ein ungleich passenderer Name für die Schätze des Matenadaran. Hier, wie auf der gesamten noch folgenden Rundfahrt zeigte sich, dass unsere Entscheidung für eine geführte Reise richtig war. Ohne eine Führung hätte sich uns die ganze Bedeutung des Museums nicht erschlossen. Vielleicht wären wir nicht einmal hinein gegangen, denn ehrlich gesagt schrecken uns ausgestellte Handschriften ebenso schnell ab und langweilen uns, wie die geballte Präsentation von Madonnenbildern wie im Berliner Bode-Museum. Ohne Führung wäre mir die Bedeutung der Handschriften und einzigartigen Miniaturen und die damit verknüpfte Geschichte des Landes verschlossen geblieben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.