Armenien: Ein Land voller Geschichte

Über Armenien scheint die Zeit hinweg gegangen zu sein – ein Land versunken im Dornröschenschlaf. Doch Armenien ist ein Land voller Geschichte, Kultur und Kontraste. Eine Reise dorthin ist auf jeden Fall empfehlenswert, auch wegen der liebenswürdigen, freundlichen und offenen Einwohner. Zudem ist der Südkaukasus eine faszinierende Region, ein Knotenpunkt zwischen Europa, Russland, Zentralasien und dem Mittleren Osten. Dass in Armenien das Fremde weniger fremd ist, dafür sorgt die christliche Prägung des Landes und seiner Bewohner.

Ehrlich gesagt, wussten wir herzlich wenig über Armenien, als wir bei Studiosus eine Reise durch den Südkaukasus buchten. Armenien, Georgien, Aserbaidschan, drei Staaten in rund zwei Wochen, ein ambitioniertes Programm. Klar wussten wir vom Genozid an den Armeniern zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Bekannt war uns natürlich auch, dass Armenien der erste Staat war, der das Christentum im Jahr 301 zur offiziellen Religion seiner Bewohner machte. Gelesen hatten wir zudem vom latenten Konflikt Armeniens mit seinem Nachbarn Aserbaidschan um Bergkarabach. Das war’s dann aber auch mehr oder weniger. Ach ja, natürlich kannten wir auch noch einige Witze aus der Zeit des realen Sozialismus: Fragen an Radio Jerewan. Das war’s dann aber wirklich alles. In aller Herrgottsfrühe landete unser Flieger in Jerewan. Die Einreiseformalitäten brachten wir problemlos hinter uns. Bei Büchsenlicht fuhren wir in die armenische Hauptstadt und konnten – der Himmel war klar und wolkenlos, den heiligen Berg der Armenier, den Berg Ararat sehen. Der liegt auf türkischem Territorium und erinnert die Armenier tagtäglich an Flucht und Vertreibung.

Unser erstes Quartier auf dieser Reiser war das Imperial Palace. Von außen unspektakulär wurden wir von der üppigen Möblierung der Lobby überrascht. Das zugeteilte Zimmer war allerdings deutlich zu klein für zwei Personen plus Reisegepäck. Wir reklamierten erfolgreich an der Rezeption und bekamen ein deutlich größeres Zimmer. Die Ausstattung war eher bescheiden, allerdings entschädigte uns der dazugehörige Balkon auf dem wir abends bei einem Glas armenischen Cognac den Tag ausklingen ließen.

Unser armenischer Reiseführer Aramayis Mnatsakanyan – kurz Aram

Müde aber frohen Mutes begann das Besichtigungsprogramm. Unsere Müdigkeit verflog schnell, denn unser armenischer Reiseführer zog uns sofort in seinen Bann. Aram, komplett heißt er Aramayis Mnatsakanyan, spricht nicht nur sagenhaft gutes Deutsch, er hat auch eine mindestens dreibändige armenische Enzyklopädie verschluckt. Auch wenn wir nach der Betrachtung des dritten Kreuzkuppelgewölbes in einem Kloster eigentlich abschalten wollten, gelang es Aram immer wieder mit neuen Details unser Interesse zu wecken. Das muss einem erstmal gelingen, denn eigentlich wirkten die Besuche in armenischen Kirchen schnell ermüdend. Es sind meist finstere Orte; die Patina des Rußes von über die Jahrhunderte verbrannten Kerzen hat die Wände dunkelgrau bis schwarz gefäbt. Das Auge sucht nach Farbe, schon wegen der Orientierung.

Einzelne Orte und Erlebnisse beschreibe ich in diesem Reisebericht in verschiedenen Beiträgen,

die einzeln aufgerufen werden können.

http://www.bernis-reisetipps.de/2019/03/07/jerevan-sehenswert-aber-nicht-schoen/

Unsere Bilanz am Ende der Reise durch Armenien fiel gemischt aus. Wir waren beeindruckt vom Gesehenen, doch noch mehr Kirchen oder Klöster hätten es nicht sein müssen. Ihre Bedeutung für die Geschichte Armeniens, für das Leben und Überleben der armenischen Kultur hat uns jedenfalls mehr beeindruckt als ihre Architektur und Ausstattung. Unterschiedliche Stile und Bauepochen sucht man nahezu vergeblich oder existieren in für uns wenig wahrnehmbarer Form. Die Gründe dafür sind naheliegend. Fremde Herrscher und christliche Orthodoxie behinderten die Kreativität der Baumeister. Groß- und bisweilen einzigartig war dafür die Lage der Kirchen und Klöster in wahrhaft spektakulärer Landschaft.

Im Hintergrund der kargen Landschaft ist der Berg Ararat zu erkennen.

Apropos Landschaft. In Armenien sind (fast) überall Berge. 90 Prozent des armenischen Staatsgebiets liegen über 1.000 Höhenmeter hoch. Die Landschaft ist von zahlreichen Vulkanmassiven übersät, und zwischen den höchsten Berggipfeln erstrecken sich Hochebenen, die auf 1.500 bis 2.000 m Höhe liegen. Die armenischen Landschaften sind ebenfalls von Seen geprägt, der Sevan-See ist z.B. das zweite geographische Wahrzeichen Armeniens nach dem Berg Ararat. Der liegt heute auf türkischem Gebiet, ebenso wie der Van-See. Diese beiden geographischen Punkte sind bis heute Sehnsuchts- ja heilige Orte der Armenier geblieben. Vielbesungen aber unerreichbar.

Die Ararat-Ebene liegt auf armenischen Gebiet und ist die einzige echte Tiefebene des Landes und liegt nördlich des gleichnamigen Berges. Aufgrund der geographischen Lage am Schnittpunkt der eurasischen, anatolischen und arabischen Platten ist Armenien ein erdbebengefährdetes Land.

Nur wenige Armenier können von ihrem Einkommen leben. Jeder Dritte gilt als arm, jeder Fünfte hat keine Arbeit. Vor allem die jungen Menschen scheinen die Hoffnung aufgegeben zu haben – viele wollen ins Ausland. Der größte Teil geht ins einstige Bruderland Russland. Lieber würden sie natürlich in der Europäischen Union Arbeit suchen. Die aber will das verhindern und verlangt für die Einreise ein Visum sowie Bürgschaftserklärungen.

Im Norden Armeniens, unweit der Grenze zu Georgien befindet sich die sogenannte Armenische Schweiz. Hier liegt die Stadt Alawerdi, einst ein bedeutender Industriesstandort. In der Sowjetzeit begann hier der Ausbau einer Kupferhütte aus der Zarenzeit zum Kupfer- und Chemiekombinat Alawerdi. Auf den zumeist ungeschützten kargen und zugigen Bergplateaus wurden neue Stadtteile als Wohnblocksiedlungen angelegt und Seilbahnen für den Personen- und Materialtransport errichtet. Auf Druck der Bevölkerung wurde 1989 aus Gesundheits- und Umweltschutzgründen das Kupfer- und Chemiekombinat geschlossen, damit ging jedoch auch der Hauptarbeitgeber der Region verloren. Die Industrieanlagen sind inzwischen verfallen und zu einem neuen Umweltproblem geworden. Einzig eine Kupferhütte arbeitet heute noch. Ihr Schornsteim steht hoch über den alten Anlagen und ist von den heruntergekommenen Wohnkomplexen von Alawerdi zu sehen.

Die Grenzen zur Türkei und Aserbaidschan sind dicht, das Land insoliert. Russland ist der wichtigste Partner für Armenien. Ohne Energielieferungen aus Moskau wäre die Lebenssituation der Menschen noch immer so katastrophal wie in den Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Jahrelang mussten die Armenier ohne Heizung und nahezu ohne Elektrizität auskommen. Ein Gräuel, das uns unser Reiseführer anschaulich schilderte. Seit 2015 ist Armenien Mitglied der von Russland geführten Eurasischen Wirtschaftsunion. Das bedeutet Absatzmärkte, auch wenn die Mitgliedsstatten kein hohes Interesse am wirtschaftlichen Austausch zeigen.

Die schwache Investitionsneigung ist eines der Hauptprobleme der armenischen Wirtschaft. Die Anlagen schrumpften in den Jahren 2011 bis 2016 jährlich im Schnitt um real 7 Prozent und betrugen 2016 umgerechnet nur noch 854 Millionen Dollar. Der Zufluss ausländischer Direktinvestitionen hat sich 2015 und 2016 mit jeweils weniger als 140 Millionen Dollar gegenüber den beiden Vorjahren halbiert. Anlass für einen optimistischeren Blick in die Zukunft gibt u.a. die Konsumneigung der Armenier. Nach stetigen Rückgängen weist sie seit 2017 wieder nach oben. Die Zahl der Touristen steigt stetig an, was wiederum Investitionen in die Infrastruktur auslöst.

Mehr Touristen, vornehmlich aus Westeuropa, China und den USA benötigen zusätzliche Bettenkontingente. Vornehmlich im mitleren und höheren Preissegment. Unser zweites Hotel, das 2011 erbaute Best Western Plus Paradise Hotel Dilijan wird als “luxuriöses Hotel im malerischen Ferienort Dilidschan” angepriesen, wurde dem nicht ganz gerecht. Unser Zimmer war klein und eher spartanischeingerichtet. Ein dickes Plus verdient das Hotel für seinen Außenpool, den wir nach einem anstrengenden Besichtigungsprogramm gerne nutzten. Und der Service der Bar war hervorragend.

Vor den touristischen Zielen drängen sich Verkaufsbuden und Stände, an denen meist armenische Frauen allerlei Nippes an die Besucher zu verkaufen versuchen. Wir haben sehr schnell die Suche nach einem Mitbringsel aus Armenien (gleiches gilt für Georgien und Aserbaidschan) schnell aufgegeben. Kitsch as Kitsch can lautet die Devise der Händler. Den als Geschenk für die Daheingebliebenen Cognac mussten wir vor der Einreise nach Aserbaidschan niedermachen. Nichts darf darauf hindeuten, dass man im “Feindesland” war.

Russland ist in Armenien auch militärisch präsent. Seit den 90-er Jahren gibt es in Gjumri eine große russische Militärbasis. Argwönisch beobachtet Moskau die politische Entwicklung in Armenien. Ernsthaft hat bislang in Armenien niemand die Beziehungen zum großen Bruder in Frage gestellt. Europa wiederum tut sich schwer mit dem kleinen Land im Kaukasus. Schließlich besteht mit der Türkei ein Assoziierungsabkommen. Da die Beitrittsverhandlungen versandet sind, will die EU Ankara nicht zuzsätzlich vor den Kopf stoßen und stellt darum jeden armenischen Kooperationswunsch hintan. Mit gravierenden Folgen. Armenien ist und bleibt wohl noch länger das Armenhaus der Region. Würde Russland nicht seine schützende Hand über das Land halten, würde das hoch gerüstete Aserbaidschan längst den Krieg um die an Armenien verlorene Provinz Bergkarabach wieder aufgenommen haben.

Autor: Torsten Flaig
Autor: Jasmine Dum-Tragut

Zwei Reiseführer, die in regelmäßigen Abständen aktualisiert werden, kann ich empfehlen. Bei beiden fällt mir positiv auf, dass der Apparat für Hotel-und Gaststättenempfehlungen geringer ausfällt als bei Büchern über andere Länder. Im Zeitalter des Internets und von WLAN halte ich an analogen Informationen für meine Reiseländer fest; überflüssig dagegen sind nach meiner Erfahrung Hotel-Informationen und Restaurant-Tipps. Da vertraue ich eher auf tripadvisor oder booking.com – Im Reiseführer empfohlene Restaurants sind häufig schneller geschlossen als der Reiseführer aus der Druckerei kommt.

Trescher-Verlag: Alle Regionen Armeniens auf 476 Seiten – 25 Übersichtskarten und Stadtpläne – 22 Lagepläne von Klöstern – Fundierte Hintergrundinformationen zu Geschichte, Kultur und Architektur – Die wichtigsten Reiseinformationen im Überblick – Ausführliche Reisetipps von A bis Z – Mehr als 250 Farbfotos. Dieses Buch richtet sich vor allem an Studienreisende, die sich für die großartigen mittelalterlichen Baudenkmäler interessieren. Es bietet ausführliche Informationen über Geschichte, Baukunst, Landschaften und Gebräuche Armeniens.

DuMont-Verlag: Guter Guide, um in das kleine Kaukasusland einzutauchen – 474 Seiten – 628 g – Das Reisehandbuch beschreibt Armenien flächendeckend, gegliedert nach Reiseregionen. Es legt einen deutlichen Schwerpunkt auf die besonders sehenswerten Städte und Landschaften. Mit Tipps und Adressen Ort für Ort, umfangreichen Hintergrundinformationen sowie einer Extra-Reisekarte. Zu jeder Region »Auf einen Blick« die Highlights, die schönsten Routen, aktive Naturerlebnisse und besondere Tipps des Autors.

Autor: Manfred Quiring

Ch. Links Verlag: Eine unabdingbare Einführung in die politische Situation im Kaukasus ist dieses Buch von Manfred Quiring. Darin analysiert der journalistische Kollege das Konfliktpotenzial dieser Region seit dem russisch-georgischen Krieg um Südossetien im Jahr 2008. Es war der sechste militärische Konflikt seit 1990. Und noch immer ist reichlich Zündstoff vorhanden in einer kulturell und geografisch faszinierenden Region, wo auf 400.000 Quadratkilometern mehr als 50 verschiedene Völker zu Hause sind: Abchasen und Aserbaidschaner, Armenier und Darginer, Georgier und Inguschen, Osseten und Tschetschenen. Zwischen 40 und 50 Sprachen, nicht gerechnet die zahlreichen Dialekte, werden hier gesprochen, weshalb der Kaukasus in der Antike auch »Berg der Sprachen« hieß. Streitigkeiten untereinander und die Tatsache, dass Russland das Gebiet als seine naturgegebene, ureigene Einflusssphäre betrachtet, führen immer wieder zu Spannungen. Manfred Quiring, Korrespondent für Die Welt in Moskau, hat den 1.500 Kilometer langen Gebirgszug und die angrenzenden Regionen seit 1982 immer wieder bereist, die Konflikte zum Teil persönlich miterlebt. In seinem Buch geht er ihren Ursachen nach, verbindet Geschichtliches mit der Neuzeit und eigenem Erleben.

Die “Kulturflüsterin” teilt meine guten Erfahrungen mit dem Reiseleiter Aram

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