Matera: Schaut auf diese Stadt

                

Die uralte Höhlenstadt Matera  besteht fast nur aus farblosem Fels, die Mauern anzustreichen ist verboten.

Matera ist vielleicht die Mutter aller Städte. Hier haben sich die Menschen vor Jahrtausenden in Erde und Stein gegraben und sich Wohnstadt, Kirche und Grab geschaffen. Schon mein erster Blick vom Rand der Stadt auf die Sassi genannten Häuser versetzte mich in ein Erstaunen, das mich bis heute nicht verlassen hat. Die Häuser von Matera schauen uns an, nicht wir sie. Wohl darum finde ich Matura auch drei Jahre nach meinem letzten Besuch so atemberaubend, so überwältigend – aber doch nicht schön im herkömmlichen Sinn. Matera ist faszinierend und auf verstörende Art bildschön.

Die Häuser von Matera schauen uns an, nicht wir die Häuser

“Dimenticato da dio” – von Gott vergessen nannten die Italiener über viele Jahrhunderte die Stadt Matera. Sie galt als Schandfleck, als “vergogna d’Italia”. In den Höhlenhäusern grassierten Malaria, Keuchhusten und katastrophale Hygienische Zustände. Doch ernsthaft kümmern wollte sich bis Mitte des 20. Jahrhunderts niemand um die Stadt.

 

Die Höhlenwohnungen von Matera heißen Sassi. Das bedeutet nichts anderes als: Steine. Sie sind überall, von den Häusern und Höhlen bis in die Schlucht des Flüsschens Gravina, aus der Matera herauszuwachsen scheint. Ein Ton in Ton gemaltes Bild der Kargheit, das die Abendsonne manchmal in opulentes Ocker umdeutet.

 

Erst als die bürgerlichen Parteien in Rom befürchteten, die im Stich gelassenen Menschen könnten sich radikalisieren, entschloss man sich in Rom zu einem radikalen Schnitt. Oberhalb der Altstadt wurden in Windeseile Neubauten hochgezogen, in die die Höhlenbewohner umgesiedelt wurden. Sie sind gewöhnlich und geschmacklos. Inzwischen sind die meisten ihrer einst verkommenen Behausungen luxuriöser bewohnbar als die aus dem Erdboden gestampften Sozialwohnungen.

1993 war Matera zum Weltkulturerbe ernannt worden. Seitdem entwickelte sich die Stadt langsam aber stetig zu einem Touristenmagneten. Schon vor der Ernennung Maderas zureuropäischen Kulturhauptstadt wurde die Befürchtung geäußert, Matera könnte zu einem Disneyland werden. Das wäre ihr Untergang. Noch ist es aber nicht so weit. Das liegt auch daran, dass sich die alten Höhlen und Gemäuern vortrefflich taugen für moderne Nutzung. Heute beherbergen viele der Felsenlöcher kleine, bisweilen immer noch preiswerte Ferienwohnungen oder Luxushotels für zahlungskräftige Touristen. Die Kombination von behauenen, weiß gekälkten Felswänden mit modernen Stühlen, Tischen, Schränken und Betten macht eine Übernachtung in Matera so einzigartig und unvergesslich.

 


Es gibt viele Plätze, die ich noch einmal im Leben wiedersehen möchte. Matera steht sehr weit oben auf dieser Liste.


 

Gleiches gilt für die unzähligen Höhlenkirchen. Etwa die Krypta Madonna delle Virtú. Sie wurde nach dem Plan eines lateinischen Kreuzes in den Tuffstein gehauen und kann als Beispiel der Architektur aus dem Negativ gelten. Erhalten sind Säulen Kapitelle, Bögen, Kuppeln und Emporen. Ein idealer Ort zur Ausstellung von Kunstwerken zeitgenössischer Bildhauer und Maler. Gleich gilt für die Kirchen San Nicola del Greci, Santa Maria di Idris oder Santa Lucia alla Malve. Es gibt nicht viele Orte, an denen moderne Kunst mit Jahrhunderte alten Fresken eine derart glückliche und ästhetische Einheit bilden können.

Eine gelungene Kombination: Moderne Kunst und mittelalterliche Höhlenkirchen im Matera


Für zwei Ausflüge in Materas Nachbarschaft sollte man auf jeden Fall Zeit haben und sich nehmen. Rund eine Stunde fährt man mit dem Auto durch eine einsame und karge Landschaft zum sagenumwobenen Castel del Monte. Nicht zu Unrecht wird das Castel auch als „Krone Apuliens“ bezeichnet. Auf der Rückfahrt nach Matera empfehle ich einen Halt in Altamura.  Die dortige Kathedrale, vornehmlich ihr Portal, ist äußerst sehenswert.



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